Time to say Goodby

 

Time, to say Goodby

 

 

 

…..ein Mittwoch im Februar diesen Jahres, ich sitze mit meinem süßen Pubertier im Auto Richtung Innenstadt. Es sind Faschingsferien in Bayern und wir sind total entspannt auf dem Weg zu einem angenehmen Schoppingnachmittag. Plötzlich wird der coole Song im Radio, der uns zum lauthals mitsingen animiert hat, rüde unterbrochen vom Klingeln meines Handys. Da die Freisprecheinrichtung über das Radio funktioniert sehen wir im Display eine Handynummer, die aber unbekannt ist. Ich nehme das Gespräch an und eine Frauenstimme meldet sich „sind sie die Tochter von Herrn W.H.?“ ……..innerhalb von Millisekunden legt sich ein furchtbar kalter Ring aus Eisen um meinen Brustkorb, die Luft wird irgendwie eng und ich krächze ein „….ja…“ mühsam hervor.

 

Die nette Frauenstimme erklärt mir, dass mein Vater (er wird im Herbst 80 Jahre alt und wir freuen uns schon auf eine große Feier) wohl in seiner Wohnung gestürzt sein muss. Er habe ein blaues Auge und scheine „irgendwie orientierungslos“ und solle wohl demnächst in ein Krankenhaus.

 

 

 

Soweit das Gespräch. 1000 Gedanken wirbeln durch mein Hirn – der angenehmste von allen ist der: „Gott sei Dank, er ist ‚nur‘ gestürzt, aber er lebt“.

 

Nach unserem jetzt gar nicht mehr so enstpannten Shoppingnachmittag greife ich als erstes zum Telefon und rufe bei meinem Vater zu Hause an. Er meldet sich, er erkennt mich auch sofort. Er berichtet relativ klar und deutlich von seinem Sturz und davon, dass er am Montag der kommenden Woche ins Krankenhaus zum Checkup kommen soll.

 

Aufatmen, langsam beginnt die Entspannung.

 

Der nächste Gedanke bei mir - ich muss dahin und mal nach dem Rechten sehen.

 

Diese Woche …..ganz schlecht, der nächste Samstag ist besser geeignet, bis dahin wissen wir auch, was im Krankenhaus festgestellt wurde.

 

Die nächste Woche kommt, es folgen noch einige Telefonate mit meinem Vater, der zwar deutlich abgebaut hat, aber irgendwie immer noch seinen Alltag im Griff zu haben scheint.

 

Seit vor 12 Jahren meine Stiefmutter verstorben ist, lebt er alleine in seinem kleinen Häuschen inmitten von Sachsen und kommt erstaunlich gut alleine zurecht. Er war schon immer „eigen“ und hat sein Ding durchgezogen – gut so. Er hat mehr als die Hälfte seines Lebens in der Natur zugebracht – er hat keinen grünen Daumen, ER IST DER GRÜNE DAUMEN!

 

Das schlimmste für ihn ist, irgendwo eingesperrt zu sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob das meine Wohnung (ohne Garten) ist oder ein Krankenhaus. Für ihn fühlt sich das wie ein Gefängnis an. Entsprechend ist wohl auch sein Besuch im Krankenhaus verlaufen – die Untersuchungen haben begonnen aber „ich bin dann einfach gegangen“ - sein Kommentar zu dem Thema. Es dauert ihm zu lange, er fühlt sich eingesperrt, also geht er. Wie ich später erfahren habe, hat er bei seinem Nachbarn anrufen lassen, der ihn dann nach Hause geholt hat (auf eigene Verantwortung, versteht sich). Bei den Telefonaten mit ihm in der Woche darauf seine Aussage „es sei ihm nicht immer schön (das ist der Ausdruck von ‚es geht mir nicht so gut‘ auf sächsisch)“ aber es geht schon.

 

Das Wochenende rückt näher und am Donnerstag legt mich - was auch immer für ein - Virus lahm. Den Samstag kann ich vergessen, ich werde es nicht schaffen und da ich nicht weiß, was für einen Quatsch ich mir eingefangen habe, kann ich so ganz nebenbei meinen wohl ohnehin geschwächten Vater auch noch anstecken …..

 

Da mein Vater von meinem geplanten „Überfall“ noch nichts weiß, klingel ich an dem Samstag, an dem ich ihn eigentlich besuchen will bei ihm durch und kündige mich tatsächlich für den darauf folgenden Samstag bei ihm an.

 

Er ruft auch noch 4 mal bei mir zurück – zweimal sprechen wir direkt am Telefon, zweimal spricht er auf meinen Anrufbeantworter. Sonntag erzählt er mir auch noch, er ist in der Küche nochmal gestützt, hat sich aber abfangen können und sich nicht verletzt. Mist, ich muss da dringend hin.

 

Alles ist klar, nachdem ich meinen fiesen Virus erfolgreich besiegt habe, kann es losgehen in meine frühere/erste Heimat.

 

Dienstagnachmittag vor meinem Besuch: eine Nachricht meiner Schwester „unser Papa ist nochmal gestützt, hat sich dabei heftig im Gesicht verletzt, muss operiert werden“

 

Schock……

 

Mittwochnachmittag erneut eine Nachricht meiner Schwester (….ich will das nicht….): er ist nachts völlig aus der Fassung geraten und mit seinem Taschenmesser auf eine Krankenschwester losgegangen – das hat ihm eine Verlegung in die Psychiatrie eingebracht.

 

Ich lasse mir die Telefonnummer geben und rufe de Ärztin an. Er ist jetzt ruhig (gestellt?), er soll sich ein zwei Tage stabilisieren und dann soll er in ein anders Krankenhaus verlegt und operiert werden.

 

Donnerstagnachmittag wieder eine Nachricht (…..hört das denn nie auf?): er wurde mit Verdacht auf Lungenentzündung erneut verlegt. Ich rufe dort an und erfahre, dass er ganz ruhig ist, nicht unbedingt essen möchte aber für den nächsten Tag zum Frühstück einen Kakao bestellt hat. Das entlockt mir ein Lächeln – mein Vater, der ewige Teetrinker, möchte einen Kakao.

 

Ich vereinbare, dass ich Samstag komme, vorher bei ihm zuhause anhalte und erst einmal ein paar Sachen einpacke, er hat überhaupt nichts dabei.  Außerdem vereinbare ich mit der Stationsschwester, dass sie mich anruft, falls er u.U. erneut verlegt werden sollte.

 

 

 

Samstagmorgen, ich mache mich auf den Weg zum Haus meines Vaters. Es sind 170 km und ich hoffe, dass ich trotz des in der Nacht gefallenen Neuschnees und der Tatsache, dass mich meine MS gerne ausbremst, wenn es stressig wird, gut ankomme.

 

Es geht alles gut mit der Fahrerei, auch wenn mein eigentlich schwarzes Auto vor lauter Salzgrau nicht wieder zu erkennen ist aber das ist nebensächlich. Im Haus offenbart sich mir, dass mein Vater nach der Entlassung aus dem Krankenhaus keinesfalls mehr alleine zurecht kommt. Hier müssen Profis ran – wie ambulant betreutes Wohnen geht weiß ich aus meiner bald 10-jährigen Berufspraxis. Ich muss das nach meiner Rückkehr sofort organisieren. In ein Heim kann ich meinen freiheitsliebenden grünen Daumen nicht geben.

 

Samstagnachmittag, nach einer gefühlt ewigen Zuckelei durch das halbe Bundesland Sachsen (mein Navi versagt mehrmals, entweder liegt es an der Tatsache, dass ich vergessen habe, zu updaten oder die Sachsen bauen einfach zu schnell neue Straßen) via Landstraßen Ankunft im Krankenhaus.

 

Gott sei Dank hat niemand angerufen und gesagt, das er schon wieder verlegt werden musste. Das „Katz und Maus-Spiel“ ist offenbar vorbei …

 

Da liegt er, in einem separaten Zimmer (weil er so schnauft und den eigentlichen Zimmergenossen damit stört, sagt die Schwester) und sieht irgendwie total fremd aus – aber er schnauft. Ich packe eilig die zusammensuchten Sachen in seinen Schrank und setze mich dann an sein Bett, halte seine Hand, streichel ganz sanft über sein von blauen Flecken gezeichnetes, angeschwollenes Gesicht und weiß plötzlich, was ihn so anders macht (außer der Tatsache, das er aussieht wie ein Preisboxer oder nach einer Kneipenschlägerei) – man hat ihm seinen Vollbart abrasiert. Ohne den hab ich ihn seit mindestens 30 Jahren nicht mehr gesehen ….. oh man Papa, den musst du dir aber wieder wachsen lassen, wenn du hier raus kommst. ……..und ein Friseurbesuch ist sicher auch nicht von Nachteil…..

 

Eine reichliche viertel Stunde bleibe ich bei ihm, ich rede mit ihm, manchmal hab ich das Gefühl, er drückt kurz meine Hand in seiner, er bewegt sich – er schnauft.

 

Zum Abschied drücke ich ihm meine Lippen auf seine Stirn und verspreche ihm, bald wieder zu kommen und dann mit ihm einiges Notwendige zu besprechen. Aber das hat Zeit, bis es ihm besser geht.

 

Noch ein Luft-Hand-Kuss in seine Richtung als ich in der Tür stehe, dann verabschiede ich mich noch von den Schwestern, frage, ob ich irgendetwas für ihn tun kann. Nein ist die Antwort, aber ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und fragen, wie es ihm geht.

 

Es fühlt sich komisch aber stimmig an, als ich mit dem Fahrstuhl aus der dritten Etage hinunter fahre. Für heute hab ich alles getan, was mir möglich war. Bis bald Papa …….

 

 

 

3 Stunden später bin ich gut wieder zu Hause gelandet. Samstag gegen Abend ist die Autobahn recht frei, der morgendliche Neuschnee ist getaut, ich hab das Auto kurz gewaschen und bin dann selber unter die Dusche gehüpft. Was für ein verrückter Tag und hey – ich staune, zu was ich in der Lage bin!

 

Ich schnappe mir ein Bier und kuschel mich auf meiner Couch ein, mache die Glotze an und bin zufrieden mit mir.

 

Das Telefon klingelt, eine Nummer, die nicht gespeichert ist: „Frau H., hier ist Schwester S. – ihr Papa ist vor ein paar Minuten eingeschlafen“ ……………………………………….. NEIN! ……der hat doch heut Nachmittag auch schon geschlafen ……. Ruhe am anderen Ende  ……….. NEIN! NEIN! ……..

 

 

 

aus dem „bis bald Papa“ ist gerade ein ……………………..it’s Time, to say GOODBY …………forever……….geworden ………..

 

 

 

R.I.P.